Review: Longfingah – Cityopian Spirit

Es gibt wenige Deutsche, die das jamaikanische Patois so perfekt beherrschen wie der wahlberlinerische Botschafter Longfingah. Einhergehend damit beweist der umtriebige MC eine unheimliche Vielfalt in Sachen Style und ein wirklich tiefes Verständnis der Materie. Nach beeindruckenden Einzelauftritten wie dem 2007er „Run Weh“, darf es nun also ein Album sein. „Cityopian Spirit“ heißt die unter anderem von Foresta (Deutschland), Dreadsquad (Polen) und Dubmatix (Kanada) produzierte Scheibe und fasst die ganze Bandbreite von Longfingahs Arbeit der letzten 4 Jahre gekonnt zusammen. Ab die Platte!

Tracklist

  1. Good Morning
  2. Nah Wait
  3. Give It To Dem
  4. No Matter
  5. Spread Out
  6. Nottin’ Changed
  7. At Home
  8. Mr. Vincent
  9. One Spirit
  10. Tired A Dem
  11. Good Over Evil
  12. Strike Back
  13. Collieman

Good Morning“ stellt direkt zu Anfang klar, in welche Richtung sich das ganze Album idealistisch und stilistisch bewegt. Das alles in einem einfachen und relaxten Gewand – passt!
Mit Glockenspiel, Wortwitz und etwas mehr Tempo geht es von „Nah Wait“ zu „Give It To Dem“. Während ersterer an die Leichtigkeit des Openers anknüpft, wird in letzterem das erste lyrische Feuerwerk des Albums losgetreten. Feature-Act Danny Ranks und Longfingah ergänzen sich auf dem peitschenden Foresta Riddim einfach perfekt.
Noch etwas rauer geht es in „No Matter“ zur Sache: positive Message auf düster anmutendem Dancehall – echt interessantes Teil.
Mindestens hundert Gänge runter schaltet Longfingah in „Spread Out“. Hier hat es der Hörer mit einem schönen Laid-back zu tun. Die Hookline „See di holy fire burnin“ fasst den gesamten Inhalt wunderbar zusammen und hat echte Ohrwurm-Qualität.
Das folgende „Nothin Changed“ gehört zu den besten Tunes der Platte. Wer etwas über Longfingahs Herkunft, DDR-Kindheit und Einstellung zum Mauerfall erfahren will, ist hier genau richtig.
At Home“ überrascht weniger durch sein Gewand oder seinen Inhalt – die Liebe zum Dancehall – als durch sein abruptes Ende. Spielereien wie diese werten „Cityopian Spirit“ ungemein auf.
Kritisch geht es in „Mr. Vincent“ zur Sache: Longfingah klärt seinen Vermieter auf einem überaus positiven Riddim darüber auf, dass er die Miete nicht zahlen kann und verweist auf die weltweit zunehmende Armut und Wohnungsknappheit.
Ein untypischer Beat und eine große Stilvielfalt machen „One Spirit“ aus. Message-mäßig nichts Neues, aber schön abwechslungsreich.
In „Tired A Dem“ gibt’s TV-Kritik und klassischen Raggamuffin-style satt. Der scheppernde Riddim hat jedoch Auf-die-Nerven-geh-Potenzial.
Oldschool wird’s bei „Good Over Evil“: ein trockener HipHop-Beat, gepaart mit mutig schiefen Gesängen.
Wer Hymnen liebt, wird in „Strike Back“ sein persönliches Album-Highlight finden. Einfach schön.
Breakbeat-ig wird es in „Collieman“. Natürlich darf auf einer Messenger-Platte wie „Cityopian Spirit“ der Marihuana-Legalisierungssong nicht fehlen.

Fazit

Longfingah ist einer der versiertesten deutschen Reggae-Artists und eigentlich längst überreif für den Durchbruch. Zwar erfindet er das Rad keinesfalls neu, weiß aber dafür umso besser, wie man es drehen muss, damit es richtig gut läuft. Was man als größte Schwäche des Albums auslegen könnte, nämlich dass es nicht am Stück, sondern von 2007-2011 in Teilen aufgenommen wurde, erweist sich in Wahrheit als die größte Stärke von „Cityopian Spirit“. Man hört der Produktion einfach an, dass Longfingah bei jedem Tune mächtig viel Spaß gehabt haben muss und jeder einzelne eine Episode seines Schaffens repräsentiert. Hut ab und big up!

Cityopian Spirit“ erscheint am 13. Mai 2011 auf dem Berliner Label Moanin.

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