Als ich vor zwei Jahren das erste Mal Dubstep auf Partys angeschleift habe, wandte sich jeder Zweite angewidert ab oder fragte sich, wie er dazu tanzen sollte.
Zwei Jahre sind seitdem vergangen und inzwischen ist Dubstep „The Next Big Thing“. Jeder – von Korn bis will.i.am – experimentiert mit dem wabernden Sound und auch in so mancher Großraumdisco laufen schon regelmäßig 2-3 Dubstep-Tracks pro Abend. Natürlich ist es da nicht verwunderlich, dass es der typische Wobbel-Bass inzwischen auch in die Dancehall geschafft hat (zumal Dancehall im Verlauf der letzten Jahre ja eh eine regelrechte „Electronisierung“ erfahren hat).
Hier habe ich nun also solch ein Kind zweier Welten in der Hand: „Marchin On“ heißt die Scheibe, ist eine 7-Track-EP und stammt von Singin Gold und Symbiz Sound. Bei ersterem handelt es sich um einen wahldeutschen jamaikanischen Deejay, bei letzterem um ein Dubstep-Soundsystem, geführt von den zwei deutsch-koreanischen Brüdern BuddySym und ChrisImbiss (von wegen „Kind zweier Welten“…).
Tracklist
01. Sirens
02. Marchin On
03. Rumors
04. Ready Now
05. No Joyride
06. Your Love
07. Places
Es fällt schon beim ersten Hören auf, dass „Marchin On“ kristallklar und fett produziert, hypnotisch und vor allem vielseitiger ist, als es sonst sowohl im Dancehall als auch im Dubstep der Fall ist. Das Party-Feeling ist auch die größte Stärke dieser Produktion. Kurzweilig, leicht verdaulich und schick – was will man mehr? Singin Gold reitet dank seiner wahrhaft güldenen Stimme außerdem unbeschwert auf der Waber-Welle und erinnert teilweise, wie z.B. in „Ready Now“, an US-amerikanische R’n’B-Produktionen wie Usher. Zum Glück bewegt sich der Künstler allerdings nicht nur in diesen Sphären, sondern stellt in „Sirens“, „No Joyride“ und „Places“ Dancehall-typische und beeindruckende Fast-Flow-Skills zur Schau. Außerdem zeugen ersteres, zweiteres und „Rumors“ davon, dass Kritik und Message gut verpackt in jedem Genre eine Daseinsberechtigung haben.
Symbiz Sound indessen stellt schön abwechslungsreiche Beats zur Verfügung, gespickt mit witzigen, Nintendo-artigen 8-bit Sounds und überraschenden Beatwechseln, wie in „Your Love“ oder „Ready Now“. In Sachen Beats zeigen die Brüder außerdem wirklich Klasse: ob Dancehall, Soca, dem Reggae entliehene Offbeats, 2Step, Drum’n’Bass – die Jungs kennen und können einfach jede Art Beat.
Allerdings ist an „Marchin On“ auch nicht alles Gold, was glänzt. Beispielsweise hat Singin Gold Autotune einfach nicht nötig, macht aber dennoch ein bisschen oft davon Gebrauch. Desweiteren wird sich der Patois-mächtige Hörer ziemlich schnell an der Themenwahl stoßen: Frauen, Fame, Style, Party. So erscheinen einem Tunes wie „Places“ und „Ready Now“ auf einmal nur noch halb so gut, wenn nicht banal, umso öfter man sie hört und desto mehr man versteht. Auch leidet die EP unter der Dancehall-typischen, bereits oben angedeuteten Kurzlebigkeit: nach der knappen halben Stunde Spielzeit muss dann aber auch etwas Abwechslung her.
Fazit
„Marchin On“ ist ein innovativer Vorreiter des (vom Gespann selbst ausgerufenen) „Future Dancehall“. Symbiz Sound drücken und drehen ihre Knöpfe gekonnt und Singin Gold macht seinem Namen alle Ehre. Die kleine, aber feine Scheibe darf als gelungenes Experiment bezeichnet und gefeiert werden.
Wobbel-Bass und Electro-Klänge sind allerdings nicht jedermanns Sache und der Hybridsound leidet ein bisschen unter der Vergänglichkeit des Dancehall – dieses Problem ist bei Partymusik aber generell schwer auszumerzen.
Daher Feierschuhe an, Glas in die Hand und keine allzu hohen philosophischen Ansprüche an die Musik stellen – dann funktioniert „Future Dancehall“ optimal.
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Die EP “Marchin On” ist seit dem 18. März 2011 digital bei Junodownload und als CD im Urban Tree Music Shop erhältlich.
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