
Als ich dieses Album zum „Zerlegen“ bekam, habe ich es erst einmal eingelegt und es im Hintergrund laufen lassen, während ich mich mit etwas anderem beschäftigt habe. Dieses Nebenbeibeschallen funktioniert bei vielen Reggae-Platten sehr gut, aber bei “Stick to my roots” klappte das nicht so richtig. Dieses unheimlich authentische und vielschichtige Album riss mich immer wieder aus meiner Konzentration zwang mich quasi dazu, zuzuhören, sowie mich sofort hinzusetzen und die Rezession zu schreiben. Hier ist sie nun und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen – mindestens genau so viel, wie ich beim Schreiben hatte.
Tracklist
01. Stick to my roots
02. Horns man blow
03. Nah give up
04. Deh side me
05. Just my lady
06. Big Talk
07. Badman 2.0
08. In my way
09. One of those days
10. Wine it
11. Me and this mic
12. Truth and rights
13. Only Jah Jah
14. Helping hand
15. Two Roads (iTunes Bonustrack)
Der gleichnamige Opener des Albums, “Stick to my roots“, ist ein schöner Uplifting Tune mit eindeutiger Message: ich bleibe mir treu! Wie Theodor Fontane einst sagte: „Ein guter Spruch ist die Wahrheit eines ganzen Buches in einem einzigen Satz.“. Genau das ist bei diesem Tune der Fall.
In “Horns man blow” setzt sich Tippa Irie mit der Instrumentierung des Reggae auseinander, d.h. vor allem mit den „Horns“, also der Bläsersektion. Er beschreibt dabei sehr schön, wie das Zusammenspiel der Instrumente funktionieren sollte und lässt die Jungs der Backingband gleich im zweiten Song unter Beweis stellen, dass wirklich guter Reggae eben nicht unbedingt aus Jamaika kommen muss. Abgerundet wird der sehr schöne und ruhige Tune noch durch ein nettes Instrumental am Ende. Prädikat: besonders wertvoll.
“Nah give up” präsentiert sich als seichter, nicht-digitaler Dancehall mit zwar universeller, aber auch eindeutiger Message: Zeilen wie „with minimum wage dem waan abuse you“ tun weh, wenn man an die ganzen 1-€-Jobber hierzulande denkt. Der Refrain reißt einen dann aber wieder aus der Melancholie heraus und man erwischt sich unweigerlich dabei, trotzig zu werden. Ein herrlicher Refrain, viel Message, der oben erwähnte akustische Dancehall-Riddim und ein kleines Dub am Ende machen diesen Tune ohne Frage zu einem der besten des Albums.
Natürlich gehört zu jedem guten Reggae-Album auch ein richtig schnulziger Lover’s-Rock und genau in diese Sparte fällt “Deh side me“. Wie der Titel, so der Song: Tippa Irie singt über die „Empress“ an seiner Seite, lässt sich dabei von melodischen Keyboards, Streichern und einem Chor begleiten und würde mich, wenn ich eine Frau wäre, sofort einlullen.
Ungewohnt und etwas fehl am Platz wirkt “Just my lady“. Dieses Liebeslied hat ohne Frage Klasse, allerdings passt es eher in ein Broadway-Muscial als auf ein Reggae-Album. Außerdem wirkt die Position (Liebeslied gefolgt von Liebeslied) etwas unglücklich, da es auch vom Inhalt her nicht an “Deh side me” herankommt.
In “Big talk” rechnet Tippa Irie mit allen nervigen Showmastern (Larry King), Premierministern, Politikern im Allgemeinen und notorischen Vielrednern ab, die unheimlich viel reden und versprechen, dabei jedoch nichts aussagen. Der Song selbst überrascht allerdings sowohl in musikalischer als auch lyrischer Hinsicht nicht wirklich.
Wirklich überraschend dagegen ist “Bad Man 2.0“: wer die erste Version kennt, wird die zweite Version lieben: mal eben in einen Dancehall verwandelt und mit neuen Lyrics ausgestattet, bleibt dieser Tune erst mal im Ohr. Besonders interessant ist dabei die Kombination aus ermahnenden Lyrics und aktuell aus der jamaikanischen Dancehall nicht wegzudenkenden Stimmeffekten wie Autotune. Diese Neuauflage kann sich wirklich sehen bzw. hören lassen.
“In my way” kommt mit interessantem Intro und krachender Rhythmussektion daher. Tippa Irie toastet stilsicher über einen breakigen und minimalen Dancehallbeat, wobei er allerdings neben dem ganzen Chatten auch das Singen nicht vergisst. Dieser Tune ist bestimmt nicht jedermanns Sache, spricht aber Bände von Tippas Erfahrung als Deejay.
In “One of those days” beschwert sich Mr. Irie über Veranstalter, die sich nicht an Gagenvereinbarungen halten und Künstler abzocken. Der Tune selbst bleibt dabei allerdings recht unspektakulär hinter den vorangegangenen zurück.
Wer „straight Dancehall“ sucht, kommt beim nächsten Song, “Wine it“, voll auf seine Kosten. Der schwere und tiefe Beat ist absolut ansteckend und bewegt die Beine quasi von alleine. Dazu tragen vor allem Tippas Hintergrundhecheln und der Chor im Refrain bei – schon allein vom Arrangement her einer der eindrucksvollsten Tunes der Platte.
“Me and this mic” erinnert soundmäßig sehr an “Stick to my roots“. Hier huldigt “the living legend” Tippa Irie (wie er sich in dem Tune selbst nennt) seinem Mikrofon, ohne das er nie so weit gekommen wäre. Allerdings wirkt Tippa gerade auf diesem Tune nicht ganz so überzeugt von dem, was er tut und die Lyrics wirken etwas zu einfach für eine „lebende Legende“. Das Lied leidet merklich unter diesem Kontrast.
„We haffi lift up we people“ singt Herr Irie in” Truth & Rights” und genau das tut er mit diesem lockeren, leichten Tune auch. Lyrisch zwar nichts neues im Reggae, aber durchgehend positiv, sodass man fast etwas enttäuscht ist, wenn das Lied schon vorbei ist.
Mit Saxofon und Retroklang kommt das gesungene 4-Minuten-Gebet “Only Jah Jah” daher und bleibt im Ohr. Auch hier wird auf altbekanntes Textmaterial wie „stop segregation“ und „hail the King“ zurückgegriffen, was aber 1. im Reggae einfach auch zum authentischen Hörerlebnis dazugehört und 2. schon immer funktioniert hat. Fazit: passt! Einzig und allein der Chor könnte etwas tighter sein, aber man kann ja nicht alles haben.
Offiziell wird das Album durch den Appell Helping Hand beendet, ein Tune, der noch mal so richtig rootst und als dickes Arrangement daher kommt. Hier packt die Far East Band noch mal ihr ganzes Können aus, variiert zwischen treibendem Rockers-Reggae und hymnenartigem Keyboardteil und Dub-Einschläg mit Chor gegen Ende. Helping hand ist ein musikalisch unheimlich breiter Song, auf dem Tippa wie auf einer Welle reitet. Ein würdiger Abschluss.
Inoffiziell endet das Album mit dem Bonus Track “Two Roads“. Ein schwerer und donnernder Song mit dumpfen Bläsern und einfachem, aber wirkungsvollen Appell: „Some go left and some go right / but all we have to do, is all unite“. Tippa say it! Dieser Tune musste einfach sein!
Fazit
Da die meisten jamaikanischen und/oder englischen Reggae-Künstler auf ein ganzes CD-Regal voller Alben zurückblicken können, ist natürlich die Erwartung groß, dass das nächste Album besser als dieses oder jenes Vorgängeralbum wird. Dass sich Tippa Irie mit der deutschen Far East Band zusammengetan hat, kann als voller Erfolg angesehen werden, da es sich um sein bisher reifstes Album handelt. Von der Band absolut authentisch und gewohnt tight eingespielt, von Mr. Irie mit allen möglichen Gesangs- und Deejay-Skills gewürzt, wird Stick to my roots sicher zu einem DER Reggae-Alben des Jahres. Big up!
“Stick To My Roots” ist bereits bei LockDown Productions / Cargo Records erschienen und als CD im schicken Digipack und digital bei allen gängigen Downloadshops erhältlich.
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